#24 Peja Im Kosovo

Wir sind nun im Kosovo. Peja (oder Pec auf serbisch) liegt im Westen des jüngsten Staates Kosovo. Wir haben unsere Reiseroute spontan in Albanien geändert, da wir erfahren haben, dass der Vater vonRaimi kurzfristig ein paar Tage dort verbringt. Das Wiedersehen mit ihrem Vater war herzlich und erfreut, da wir unsere Lieben zu Hause doch bereits mehrere Wochen nicht mehr gesehen haben. UnserBesuch war unangemeldet, so überraschten wir Enver im Haus, welches die Eltern von Raimi nahe der Rugovaschlucht und des Spitals erbauen liessen. Im unteren Stock ist ein Labor eingemietet. Der ersteStock ist ausgebaut, der Zweite ist noch im Rohzustand. Allgemein gibt es viele Häuser, die Im Bau sind. Ca. 40% der Häuser sind quasi Zweitwohnungen von Kosovaren von "draussen". Diese Wendung wirdanscheinend sehr oft bei Aufeinandertreffen von Kosovaren verwendet. Es ist eindrücklich, was die Diaspora vor, während und nach dem Krieg nun in diesem Staat auslöst: Nirgends sind wohl so unterschiedliche Autonummernschilder zu erkennen, ohne konkreten Auslandtourismus (ausser ich). Automarken, die auch in der Schweiz durch  kosovarische Mitbürger bevorzugt werden, tragen Nummernschilder aus Schweden, Norwegen, Belgien, Deutschland, Dänemark oder auch USA, wobei ich gehört habe, dass es im Kosovo auch Probleme gibt mit gefälschten Nummern. So habe ich ein zürcherisches Wappen mit Schweizer Flagge gesehen, welches dazwischen mit der Schrift "KOSOVA" ergänzt wurde. Ich nehme an, dass es sich um eine interessante Fälschung handelte. In der Rugovaschlucht, wo auch ein Nationalpark nahe der montenegrinischen Grenze entstand, wird heftig gebaut. Restaurants, Wochenendhäuser und sogar kleine Holzhäuser nach nordischem Stil oder protzige Kleinvillen. Ich mache mir Gedanken über eingezonte Gebiete, Schutzzonen, Gefahrengebiete nahe dem Wildbach und der Raumplanung allgemein. Regelungen oder Bewilligungen sind wohl Willkür oder im jungen Staat noch nicht von Priorität, was scheinbar ausgenutzt wird. Natürlich gibt es auch viele Häuschen in den Bergen, die erst jetzt wieder nach der Zerstörung des Krieges aufgebaut werden. 

Auf diesen Baustellen sind nicht selten alte exportierte Handwerkerautos aus der Schweiz anzutreffen. Bürki Hochbau, Meier Gibser, oder Liebherr sind nur wenige Auszüge davon.
Mein Vorwissen über die ethnische, (geo)politische sowie Kriegsgeschichte des Kosovos, werden nun durch Informationen vor Ort und auch durch Enver vertieft, der mir auf meine vielen Fragen und Gedanken immer eine abgeklärte Antwort bereithält. 
Peja, nein sogar das Land Kosovo ist ein Gebiet der Gegensätze. Während die neusten Tesla-Modelle, Hummer und PS-starke Mercedesboliden durch die Strassen donnern, sind auch Pferde mit alten "Ladewägen" anzutreffen. Strassen gibt es im Format "futuristisch" bis "tief mittelalterlich"! Kriegsruinen neben pompös "osmanisch-neoklassizistischer" Giga-Villa. Metallwarenhändler mit LKW oder den Mann mit dem Kistchen hinten auf dem Velo, der Dosen sammelt. Die schicke Guccitussi mit wackeligen Highheels neben dreckigen schlafenden Romakindern auf der Zentrumsmeile. Den supersuper Supermarkt und das viel zu enge TanteEmma-Lädeli um die Ecke. Die Frau im Niqab oder die freizügige junge Dame...  (Die Abfallthematik gäbe einen Beitrag für sich selber) Den super Rassehund im Kistchen oder den bellenden zerzausten Strassenhund, dem ich jede Nacht sieben Mal den Hals umdrehen möchte. (Es gibt aber auch putzige superdrollige Hundewelpen, bei denen ich Raimi nur knapp davon abhalten kann, diese mitzunehmen.) 
Ich habe weiter festgestellt, dass die Ausnützungungsziffer der Sitzplätze in den Autos im Gebiet wo unsere Bleibe ist, im Durchschnitt bei über 100% liegen dürfte. Zurückzuführen ist dies wohl auf die ärmlichen Verhältnisse in abgelegeneren Gebieten, Einkaufsmöglichkeiten in der Stadt oder Ausgang. Allgemein ist eine Urbanisierung resp. Landflucht festzustellen, viele Häuser wurden nach dem Krieg oder auch danach verlassen. 
Auf unserer Reise ist Kosovo das absolut billigste Land. Billiger sogar als das von uns besuchte Mittelalbanien. Und das wirklich, nicht nur, weil uns Enver oft eingeladen hat oder uns partout nicht bezahlen liess. 
Ein interessanter Punkt ist, dass Leute, die im Land geblieben sind, die Kosovaren von"draussen" auf der Strasse, als solche erkennen und auch etwas ungewohnt mustern. Mich erkennt man natürlich auch als Auswärtigen, und werde kritisch gemustert. Wir fühlen uns aber nie bedroht oder unwohl, auch nicht in den dunklen Gassen. Das Nachtleben pulsiert hier jede Nacht. Bars sind zum bersten voll, kosovo-albanische Chartshits gemischt mit den Internationalen hört man in halboffenen Clubs mitten im Stadt-Wohngebiet. Junge Albaner fahren ihre Runde durch die Strassen, vorbei an der Gruppe junger Frauen. ( Wenn die Frauen von "draussen" sind, ist das Interesse besonders gross) Es kommt uns vor, als wären wir im Zoo bei den jungen Gorillas...wir lieben junge Tiere und schauen dem Treiben weiter interessiert zu...