Als ich gestern Raimi sagte, dass ich es wunderbar finde, dass diese Reise auch eine Entdeckung unserer Wurzeln ist, meinte sie, dass es ihr im Stress zu Hause gar nicht bewusst gewesen wäre. Heute
teilt mir Raimi mit, dass sie schon wehmütig sei, da wir morgen ein ihr doch irgendwie vertrauten Ort verlassen werden. Eigentlich hat sie ja nur die Wurzeln hier, da ihre Eltern hier vor über 27
Jahren gelebt haben. Da Raimi in den nächsten Tagen 30 Jahre alt wird, hat sie also summasummarum ca. 3 Jahre im Kosovo verbracht. Raimi kann mir daher nichts aus ihrer Erinnerungen erzählen. Auch
aus den Besuchen in den vergangenen Jahren hatte sie ausser einer Wanderung eher Pflichtbesuche bei der Verwandschaft gemacht. Ein Entdecken ihres elterlichen Heimatlandes war bis zu diesen Tagen
noch nicht möglich. Aus Erinnerungen konnte aber ihr Papa Enver erzählen. Er blühte richtiggehend auf, als wir Wanderungen unternahmen und auch den Ort besuchten, wo die Familie vor der Flucht in die
Schweiz in den Bergen bewohnt haben. Der Bruder von Raimis Mutter; Ismet, einer der Einzigen aus der Familie der nicht das Land verliess, begleitete uns. Ich bin wahnsinnig gespannt, wie das Haus in
der Berglandschaft den aussieht. Der Weiler, wo das Grundstück ist, befindet sich auf einer Alp/Alm, wie wir es auch in der Schweiz kennen. Plötzlich zeigt Ismet auf ein überwachsenes Feld, erklärt
in Albanisch etwas und erschreckend muss ich mir erklären lassen, dass alle Häuser niedergebrannt wurden. Nur ein kleines wiederaufgebautes Holzhaus steht noch oberhalb der nicht erkennbaren Ruinen.
Auf dem Findlung vor dem Haus entdecke ich den Schriftzug der kosovarischen Befreiungsarmee. Die Soldaten haben sich in dieser Zeit in den Bergen formiert, um mit Guerilla-Taktiken die serbischen
Militärs und Polizei anzugreifen. Ismet erzählt, dass diese im Winter mit weissen Uniformen die abgelegenen Häuser überfielen und abbrennen liessen. Es ist furchtbar, mir läuft es kalt die Schulter
herunter. Beide Kriegsparteien liessen unglaublich perfide Gewalt herrschen. Ismet zeigt mir ein Foto von sich, als UÇK-Kämpfer, bevor auch er über mehrere Länder kurz in die Schweiz geflohen ist.
Auf dem Rückweg entdecke ich mehrere Grabsteine, wie sie im ganzen Land anzutreffen sind. Auf den schwarzen Steinplatten sehe ich den gleichen Nachnamen, wie Raimis Mutter ledig trägt. Ich getraue
mich nachzufragen. Es sind alles Verwandte der Familie. Nicht nur junge Soldaten, sondern auch viele alte Leute sieht man mit Fotos auf den Gedenksteinen abgedruckt. Es macht mich traurig und ich
hege grossen Respekt vor den Kosovaren, die zwar betroffen sind, aber nicht eine nachtragende, hasserfüllte Einstellungen, sondern vielmehr eine zukunftsgerichtete Sichtweise pflegen. Oft denke ich,
warum sich nicht eine gewaltlose Möglichkeit ergeben konnte, wie sie der intellektuelle spätere Staatspräsident Ibrahim Rugova proklamierte. Wohl hat die Geschichte des Balkans und die immerwährende
Behauptung der Ethnien und Religionen viel für den nationalistischen und patriotischen Kriegs-Wahnsinn beigetragen. Mehr als 10'000 Tote albanische und mehr als 2000 Tote serbische Personen verloren
ihr Leben. Eine Vielzahl von Kriegsopfer in den vorherigen Balkankriegen nicht einberechnet.
Wir stellen bei der Rückfahrt fest, dass Raimi wohl auf Grund ihrer bergigen Wurzeln die Berge und Felsen in der Schweiz lieben gelernt hat und Gelächter bricht in Ismets Auto aus, welches
holpernd und fast in Einzelteile zerfallend, die sehr schlechte Strasse runterfährt.